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Enzephalitozoonose beim Kaninchen Drucken E-Mail
23. Februar 2007 20:08

Priv. Doz. Dr. med. vet. Birgit Drescher

Einleitung

Kaninchen mit Kopfschiefhaltung werden immer wieder in der tierärztlichen Kleintiersprechstunde vorgestellt. Neuere Untersuchungen zeigen, dass außer durch eine Infektion mit Pasteurellen und der Ohrmilbe Psoroptes cuniculi vor allem Einzeller-Infektionen dem Krankheitsgeschehen zugrunde liegen.

Die zu den Mikrosporidien gehörende, weltweit verbreitete Protozoe Encephalitozoon cuniculi ist ein in den Zellen lebender, parasitierender Einzeller, der einkernige, ellipsenförmige Sporen bildet. Werden derartige Sporen von Kaninchen mit der Nahrung aufgenommen, so stülpen sich im Darm Polfäden aus den Sporen aus und bohren sich in die Zellen der Darmwand. Durch den hohlen Polfaden kriecht das einkernige Zellinnere aus und gelangt so ins Innere von Darmzellen, in denen sich diese Einzeller hochgradig vermehren können. Nach einer Vermehrungsphase wird der Parasit über die Blutgefäße in nahezu alle Körperorgane verteilt, wobei der Befall der Nieren besonders ausgeprägt ist. Reife, infektionsfähige Sporen werden mit Urin und Kot ausgeschieden. Die Übertragung von Tier zu Tier kann somit über die Nahrung, über die Nase sowie ausserdem auch bei trächtigen Tieren über die Plazenta auf das Jungtier erfolgen. Außer Kaninchen können auch Mäuse, Ratten, Meerschweinchen, Hamster, Ziegen, Schafe, Schweine, Pferde, Hunde, Füchse, Katzen und viele Primaten unter Einschluß des Menschen befallen werden.

Folglich ist die Infektion mit Enzephalitozoon cuniculi eine Zoonose, d.h. eine unter sehr ungünstigen immunologischen Abwehrbedingungen auch auf den Menschen übertragbare Krankheit. In den letzten zehn Jahren hat Enzephalitozoon für den Menschen bedingt durch die Infektionsgefahr immungeschwächter Menschen (HIV-Patienten), bei denen Enzephalitozoon als opportunistischer Parasit bewertet wird, an Bedeutung gewonnen. Der Erreger wurde erstmals 1922 aus dem Gehirn eines Kaninchens isoliert, beschrieben und als Ursache spontaner Lähmungserscheinungen bei Kaninchen erkannt.

Krankheitsbild

Beim Kaninchen können drei Stadien der Erkrankung unterschieden werden:

1. chronische Infektion ohne deutliche Krankheitszeichen

2. akuter Krankheitsverlauf
Der akute Krankheitsverlauf ist gekennzeichnet durch unterschiedliche Krankheitsbilder, die lange Zeit nicht als zur gleichen Krankheit zugehörig erkannt wurden:
- eine plötzlich auftretende Kopfschiefhaltung – auch Torticollis genannt - häufig in Kombination mit einem krampfartigen Rückwärtsbiegen des Kopfes (Opisthotonus) bedingt durch Gehirnentzündung (Enzephalitis) und/oder einer Entzündung der Hirnhäute (Meningitis) und/oder
- Nierenentzündungen mit dem klinischen Bild einer übermässigen Wasseraufnahme sowie eines gesteigerten Harnabsatzes   und/oder
- Lähmungen der Hinter- sowie zum Teil auch der Vorderextremitäten.

3. chronischer Krankheitsverlauf
Je nach Ausmaß der akuten Krankheitsphase, den Nieren- bzw. den ZNS- Schäden bleiben die Kaninchen in der Regel chronisch infiziert, wenngleich in neueren Studien bei frühzeitig und intensiv durchgeführter Therapie eine klinische Heilung in 55 % der Fälle beschrieben wurde. Gelegentlich bleiben Bewegungsstörungen der Nachhand oder von Vor- und Nachhand als Restschäden der akuten Infektion zurück, wobei die Tiere ansonsten wieder bei gutem Allgemeinbefinden, mit gutem Appetit und normalem Verhalten auch anderen Tieren/Artgenossen gegenüber sind. In seltenen Fällen können auch plötzliche Todesfälle auftreten.

Diagnostik

Die Diagnostik einer Infektion mit Encephalitozoon cuniculi geschieht in drei Schritten, und zwar wird der Verdacht in erster Linie aufgrund des klinischen Bildes erhoben. In zweiter Linie kann der Verdacht durch eine allgemeine labordiagnostische Untersuchung auf der Basis einer Blutprobe erhärtet bzw. abgeschwächt werden. Dabei sollten Nierenwerte (Harnstoff, Kreatinin, Kalium), Blutbild (Leukozyten, Erythrozyten, Hamatokrit, Hämoglobin) und Leberwerte (GOT) bestimmt werden. Sollten die Blutwerte deutliche Hinweise auf eine E. cuni-culi-Infektion liefern, bietet sich eine spezifische Labordiagnostik im dritten Schritt an. Dabei werden in positiven Fällen durch eine Spezialmethode die Sporen im Blut deutlich gemacht und lichtmikroskopisch erkannt. Es handelt sich folglich um einen direkten Erregernachweis mit einem sicher aussagekräftigen Testergebnis.

Therapie

Die Therapie der E. cuniculi-Infektion besteht aus der Gabe von

1. Antibiotika
2. entzündungshemmenden Mitteln
3. Vitamin-B-Komplex

4. Fenbendazol (10%-ige Suspension: 0,2 ml/kg KM) über 3 - 4 Wochen
5. Infusionen

In der Regel führt bei Früherkennung eine Therapie in den ersten 24 Stunden zu einer deutlichen Besserung des Krankheitsbildes, mindestens jedoch zu einem Stillstand des Fortschreitens der neurologischen Symptome. Gelegentlich werden in den ersten zwei bis drei Tagen Verschlechterungen des Krankheitsbildes beobachtet. Eine Therapie sollte jedoch dann fortgesetzt werden, wenn die Tiere selbständig fressen und Kot- und Harnabsatz funktionieren. Meist gibt es eine deutliche Erholung am dritten bis fünften Therapietag, so dass die meisten Patienten nach einer Woche vollständig wiederhergestellt sind.

Sollte sich trotz der aufgezeigten Therapie das Krankheitsbild weiterhin drastisch verschlechtern und insbesondere die enzephalitisbedingten Symptome zunehmen, ist die Aussicht auf Besserung schlecht – jedoch nicht grundsätzlich auswegslos – und aus Tierschutzgründen eine Euthanasie abzuwägen.

Diskussion

Kaninchen werden häufig mit einer für eine Encephalitozoon cuniculi-Infektion sprechende Symptomatik in der Kleintiersprechstunde vorgestellt. Aufgrund der derzeitigen Kenntnisse über Krankheitsursache und Krankheitsverlauf dieser Erkrankung sollte von vornherein ein intensiver Therapieversuch unternommen werden. Die zunehmende Aufgeklärtheit der Tierhalter über artgerechte Tierhaltung bringt heutzutage mit sich, daß Kaninchen und Nagetiere in zunehmendem Maße auch Gartenbewohner sind, sei es ganzjährig oder auch nur in der warmen Jahreszeit. Diese ansonsten sehr zu begrüßende Entwicklung birgt das Risiko, dass durch Wildkaninchen sowie andere Tierarten (Katze, Marder, etc.) die Protozoen unter den Heimkaninchen stärker verbreitet werden. Aber auch bei ausschliesslich im Haus gehaltenen Kaninchen wird die Enzephalitozoonose beobachtet. Hier dürften wohl die Erreger über das Futter eingeschleppt werden. Auffallend ist, dass innerhalb von Haltungen mit mehreren Tieren unter gleichen Haltungsbedingungen häufig nur ein einzelnes Tier erkrankt. Dies führt zu der Annahme, dass außer der das Tier belastenden Zahl an Infektionserregern auch eine immunologische Schwäche des Tieres – wie beispielsweise eine unzureichende Darmbarriere - zur Erkrankung des einzelnen Tieres beitragen dürfte.

Die Feststellung, daß in Blutproben vieler untersuchter Kaninchenpopulationen in unterschiedlichem Grade Antikörper aufzufinden waren, lässt darauf schließen, dass möglicherweise dieser opportunistische Parasit weit verbreitet ist und im Zusammenhang mit anderen stressbedingten Einflüssen eine akute Erkrankung bewirkt. Folglich sollte im Falle einer diagnostizierten Infektion mit E. cuniculi auch das weitere Umfeld des Patienten betrachtet werden, d.h. auch andere Erkrankungen bishin zu Haltungs- und Verhaltensproblemen sollten hinterfragt werden.

Grundsätzlich ist eine Behandlung immer sinnvoll, da auch starke zentralnervöse Störungen reversibel sein können. Teilweise können Tiere zunächst eine ein– bis zweitägige Verschlechterung zeigen, besonders im Falle von Lähmungen der Hinterextremitäten, so dass es zusätzlich zu Lähmungen der Vorderextremitäten kommen kann. Dies sollte jedoch nicht als Gesamtverschlechterung gewertet werden, da aus eigener Erfahrung viele dieser Tiere vom dritten oder vierten Tag an eine deutliche Verbesserung ihres Gesundheitszustandes zeigen und häufig nach einer Woche wieder frei von Symptomen sind. Je früher die Erkrankung oder ein möglicher Rückfall erkannt werden und je früher die Therapie einsetzt, umso besser ist der Therapieerfolg. Eine vorbeugende Maßnahme – wie etwa eine Impfung - gibt es bislang leider nicht.

© Birgit Drescher

siehe auch :

Neue Behandlungsmethode mit Albendazol

Aktuelle Therapie

Ataxie der Hinterhand von Vetimpulse

www.headtilt.de

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Letzte Aktualisierung ( 4. November 2008 12:24 )
 
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