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Von Ammenmärchen und anderen Irrtümern Drucken
1. March 2007 16:28

Leider hält sich manch landläufige Meinung in Bezug auf Kaninchenhaltung dauerhaft bzw. wird bedauerlicherweise immer noch weiter verbreitet. Dieser Artikel soll dazu dienen, diesbezüglich aufzuklären. Eingefügte Links führen zu Artikeln, die das Thema vertiefen bzw. zu Auflistungen wie z.Bsp. bei Giftpflanzen.

Aggression:  Aggressive Kaninchen sind nicht von Natur aus bösartig, meist liegt es an mangelndem Platz, mangelnder Zuwendung, zuwenig Beschäftigung oder schlechten Erfahrungen.
Auch eine leider oft empfohlene Trächtigkeit, die die Weibchen angeblich „beruhigt“, hilft nicht. (s. Scheinträchtigkeit). Es sind Fälle bekannt, wo das Kaninchen nach einer Geburt noch aggressiver war als vorher. Auch gilt es zu beachten, dass eine Trächtigkeit/Geburt nicht immer problemlos verläuft.

Außenhaltung:  Kaninchen, die draußen gehalten werden, brauchen auch viel Zuwendung und Abwechslung.
Eine Haltung nur im Stall ohne Partner und ohne Auslauf und Ansprache ist in keinster Weise tiergerecht.
Für entsprechende Sicherheitsmaßnahmen für die Außenhaltung  (Schutz vor Katzen, Raubvögeln, Giftpflanzen, Hitzschlag, Kälte, Durchgraben etc). muss natürlich außerdem gesorgt werden.

Babies: Kaninchenbabies sind zwar unbestritten äußerst niedlich, man sollte aber unbedingt dran denken, dass sie nach nur wenigen Monaten auch schon erwachsen sind und nicht lange so klein bleiben. Außerdem ist die Erfahrung, dass sehr häufig potentielle „Adoptiveltern“ von ihrer Zusage abspringen, dem geplanten Nachwuchs ein Zuhause zu geben.

Brot : Hartes Brot, Futterpellets und z.Bsp. Knabberstangen werden häufig empfohlen zur Abnutzung der Zähne. Obwohl die Konsistenz natürlich diese Vermutung zulässt, ist HEU das Futter, das für den nötigen Abrieb der nachwachsenden Zähne sorgt.

Einzelgänger: Kaninchen sind gesellige Tiere, und es ist ihnen nicht vorbestimmt alleine zu leben. Leider wird oft versucht, den Eindruck zu vermitteln, dass Kaninchen nur alleine gehalten werden können. Dies ist nicht der Fall. Zusammenführungen sind zwar nicht immer ganz problemlos (auch bei Kaninchen gibt es eben nicht immer die berühmte Liebe auf den ersten Blick), aber es ist generell mit etwas Geduld und Zeit möglich. Die besten Voraussetzungen sind bei einem Weibchen und einem kastrierten Männchen gegeben. Siehe unter Zusammenführung

Feuchtes Grünfutter: Grünfutter, das immer gut gewaschen werden sollte, muß nicht ganz trocken sein. Die gefürchtete Trommelsucht wird nicht von feuchtem frischen Grünfutter hervorgerufen, sondern von welkem Futter. Deshalb muß immer auf die Frische geachtet werden. Siehe Futterliste

Geschwister: Kaninchengeschwister (auch Wurfgeschwister !!) können sich genauso gut oder schlecht miteinander vertragen wie "fremde" Kaninchen. Besonders bei Eintritt der Geschlechtsreife kennen die Tiere keine verwandschaftlichen Verhältnisse mehr, und vor allem bei gleichgeschlechtlichen Geschwistern kann es dann zu den völlig normalen Rangordnungskämpfen kommen. Bei Bruder und Schwester ist darauf zu achten, sie rechtzeitig zu trennen bzw. kastrieren zu lassen.

Getreide: Getreide ist eine wahre Kalorienbombe und sollte nicht verabreicht werden.

Giftpflanzen: Die Kaninchen haben im Laufe der Zeit als Haustiere ihren natürlichen Instinkt verloren, der sie Giftpflanzen von verträglichem Futter unterscheiden lässt. Sowohl drinnen als auch draußen darf man sich deshalb auf keinen Fall darauf verlassen, dass die Tiere selber wissen, was ihnen schaden könnte. Giftpflanzen müssen entfernt bzw. außer Reichweite gestellt werden.

Heu: Heu , obwohl es recht langweilig wirkt, ist die wichtigste Futtergabe für das Kaninchen überhaupt und muß ständig zur Verfügung stehen. Es enthält die für die Verdauung wichtigen Rohfasern und Ballaststoffe und sorgt für den gesunden Abrieb der Zähne, um Zahndornen und anomalen Zahnwachstum zu verhindern bzw. zu verzögern.

Impfungen: RHD- und Myxomatose-Impfungen werden meist nur für Kaninchen empfohlen, die entweder ständig draußen leben oder in den Sommermonaten einen Auslauf im Garten haben. Da diese Seuchen teilweise durch die Luft, durch Stechmücken und durch Grünfutter etc. übertragen werden, ist aber auch das Kaninchen, das „nur“ in der Wohnung lebt, nicht vor diesen Krankheiten sicher. RHD-Impfung ist auf jeden Fall empfehlenswert, und beim Tierarzt kann man sich erkundigen, ob man in einem myxomatosegefährdeten Gebiet lebt.

Kastration/Sterilisation: Diese beiden Begriffe werden leider gern verwechselt, obwohl es sich dabei um gänzliche unterschiedliche Operationen handelt.
Sterilisation beim Männchen: Durchtrennung der Samenleiter
Sterilisation beim Weibchen: Durchtrennung der Eileiter
Kastration beim Männchen: Entfernen der Hoden, äußerlicher Eingriff. Übliche Operation zur Verhinderung der Fortpflanzungsfähigkeit, verhindert einen „Hormonstau“, somit eventuell auftretende Aggressivität. Markierungsverhalten durch Urin und Kot verschwindet meist ganz. Extremes Rammelverhalten wird dadurch auch unterbunden. Es kann aber trotzdem vorkommen, dass auch kastrierte Männchen  noch rammeln, aber nicht mehr in dem Übermaß.
Kastration beim Weibchen: Entfernung der Eileiter und der Gebärmutter: Wesentlich schwierigere Operation, da diese durch den Bauchraum erfolgen muß. Sollte nur krankheitsbedingt (Tumor etc.) durchgeführt werden.

Katzenstreu: Dringend abzuraten! Katzenstreu (auch Biokatzenstreu!) ist konzipiert zu klumpen. Im Gegensatz zu Katzen fressen die Kaninchen aber häufig von dieser Streu. Die – tödliche – Folge kann eine Verklumpung im Magen sein, die eine Verdauung nicht mehr möglich macht. Außerdem kann es zu Atemwegsbeschwerden kommen durch den Streustaub. In Amerika wird Katzenstreu auch mit Leberschäden und Zinkvergiftung bei Kaninchen in Verbindung gebracht. Stroh- oder Heupellets hingegen sind z. B. geruchsbindend, sehr saugfähig und unschädlich.

Kindgerecht: Kleintiere werden häufig als "Einstieg" ins Haustierbesitzerdasein für Kinder angesehen in der Annahme, sie sind anspruchslos, billig und willig, dem ist aber nicht so, und leider gibt es unendlich viele Kinderzimmertiere, die ihr Leben ohne Auslauf und Ansprache im Käfig fristen, weil sie den Erwartungen nicht entsprechen und/oder das Interesse verschwunden ist.

Kostengünstig: Bei den Kosten muß an mehr gedacht werden als nur an den Anschaffungspreis und die Ausstattung. Futter und Streu müssen eingeplant werden, und vor allem dürfen  Tierarztkosten (Impfungen, Kastration usw.) nicht außer Betracht gelassen werden. Wer ein Haustier hat, geht eine Verpflichtung ein, auch und vor allem wenn das Tier krank ist und behandelt werden muß!

Langweilig: Kaninchen sind keineswegs langweilig, sofern man sich mit ihnen beschäftigt und ihnen viel Auslauf ,Platz  und Spielzeug gewährt. Müssen die Kaninchen ein tristes Leben ohne Ansprache im Käfig oder im Stall fristen, dann können diese Tiere aggressiv oder sogar depressiv werden.

Lautlos: Kaninchen sind keine lautlosen Tiere, so geben sie z. B. brummende Geräusche von sich, wenn sie ihren Partner oder uns umwerben, das sanfte Mahlen der Zähne ist ein Ausdruck von Wohlgefühl, wenn sie gestreichelt werden, starkes Mahlen der Zähne - ohne Streicheleinheiten -  hingegen ist oft eine Äußerung von Schmerzen und sollte unbedingt beachtet werden. In großer Panik können Kaninchen sogar schreien.

Meerschweinchen als Partner: Gerne wird empfohlen ein Kaninchen und ein Meerschweinchen zu vergesellschaften. Niemand kann aber den eigenen Artgenossen ersetzen. Die "Sprache", das Verhalten und die Bedürfnisse  dieser Tiere sind völlig unterschiedlich, und sie können sich sogar schädigen, wenn z. B. das größere Kaninchen das Meerschweinchen bedrängt und es dabei verletzt.

Naschereien: Der eigene menschliche Hang zum Naschen und die Lust auf Leckereien sollte nicht auf das Tier übertragen werden.  Viele sogenannte artgerechte Zusatzfuttermittel verführen zu einer ungesunden Fütterung.

Narkose/OP-Vorbereitung: Kaninchen darf auf keinen Fall vorher das Futter entzogen werden. Kaninchen können nicht erbrechen, insofern ist es nicht nötig, dass sie einen leeren Magen haben. Ganz im Gegenteil, es ist überaus wichtig und trägt auch zur schnellen Erholung bei, dass Kaninchen bis zur Narkose und gleich nach der OP wieder (vor allem) Heu und Wasser zur Verfügung haben, damit die Verdauung in Gang bleibt.

Rammeln: Das Rammeln dient nicht nur dem Deckakt  sondern auch der Feststellung der Rangordnung, deshalb ist dies nicht nur bei Pärchen, sondern auch bei gleichgeschlechtlichen Kaninchen, sowohl Rammlern als auch Häsinnen, festzustellen.

Scheinträchtigkeit: Wenn das weibliche Kaninchen Heu zusammenträgt, Fell rupft, ein Nest baut und keine echte Trächtigkeit in Betracht gezogen werden kann (Einzeltier oder der männliche Partner ist kastriert), dann handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine Scheinträchtigkeit, die häufig bei weiblichen Kaninchen vorkommt und kein Grund zur Besorgnis ist. Unerfreulicherweise wird selbst von Fachleuten zur Verhinderung von Scheinträchtigkeiten eine tatsächliche  Trächtigkeit vorgeschlagen mit dem Hinweis, dass damit die Scheinträchtigkeiten enden. Dies ist das Schlimmste aller Ammenmärchen. Durch eine Trächtigkeit werden auf Dauer auf keinen Fall Scheinträchtigkeiten verhindert. Sobald sich nach der Geburt hormonell alles eingespielt hat, kommen die Scheinträchtigkeiten erfahrungsgemäß in den meisten Fällen auch wieder zurück. Es herrscht sowieso schon eine große Überpopulation an Kaninchen in Tierheimen etc., da sollten solche Thesen möglichst nicht mehr kursieren.

Schmusetier: siehe Artikel „ Der Mythos vom Schmusekaninchen“

Tierarzt: Nicht jeder Tierarzt kennt sich mit allen Tierarten gleich gut aus, und es ist teilweise gar nicht einfach einen Arzt zu finden, der sich mit den ganz spezifischen Kaninchenkrankheiten- und problematiken auskennt. Wenn man sich nicht sicher ist, was Diagnose und/oder Behandlungsmethoden angeht, auf jeden Fall eine zweite oder gar dritte Meinung einholen. Manches Kaninchen, das bei dem einen Tierarzt eingeschläfert werden sollte, wurde von einem anderen Tierarzt erfolgreich behandelt .  Es kann für das Kaninchen überlebenswichtig sein, dass man  kritisch nachfragt oder sich eben eine zweite Meinung einholt. Untersucht der Tierarzt das Kaninchen gründlich, bevor er Medikamente verabreicht oder wird einfach drauf losbehandelt? Wirkt er ratlos? Schlägt eine Behandlung nicht an?

Tierheim: Im Tierheim warten nicht nur Hunde und Katzen auf eine neue Chance, sondern auch Kaninchen, Meerschweinchen, Ratten etc. Eine weitläufige Meinung ist, dass es in Tierheimen vorwiegend gestörte Tiere zu vermitteln gibt – die meisten Tiere werden aber dort abgegeben, weil das Interesse verloren ging, die Besitzer gestorben sind, weil eine Allergie aufgetreten ist usw. Bei Kleintieren ist selten Verhaltensstörung der Grund für die Abgabe bzw. wenn, dann handelt es sich häufig um Aggressionen, die oft schon schnell behoben sind, wenn die Tiere endlich Auslauf, Zuwendung und einen Partner haben.  Siehe Woher Sie ein Kaninchen bekommen können.

Wasser muß den Kaninchen täglich frisch zur Verfügung gestellt werden. Dass sie ihren Wasserbedarf durch das Grün- bzw. Saftfutter alleine decken können, ist nicht korrekt.

Zeugungsfähigkeit: Männliche Kaninchen sind auch noch einige Zeit nach der Kastration zeugungsfähig! Um ganz sicher zu gehen, dass sich nicht doch noch Nachwuchs einstellt, sollte man Männchen und Weibchen ca. sechs Wochen getrennt halten.

Zoohandlungen/Züchter: Nicht überall, wo Tiere erworben werden können, geht es wirklich um das Wohl der Tiere. Man sollte unbedingt drauf achten, wie mit den Tieren umgegangen wird; wie alt die Tiere sind (unter sieben Wochen ist auf jeden Fall zu klein, möglichst acht Wochen und älter!), ob man fachkundig beraten wird; wird verhindert, dass jeder die Tiere anfassen kann; ist es sauber; ist Futter und Wasser frisch aufgefüllt; ist genügend Heu vorhanden; werden nur Babies angeboten; (werden „ältere“ Kaninchen  eher „entsorgt“, weil man die nicht mehr so gut verkaufen kann), sehen die Tiere alle gesund aus; keine tränenden Augen, Nasen etc. oder sonstige Auffälligkeiten? Es lohnt sich auf jeden Fall, erst einmal in einem Tierheim oder bei Kaninchenschutzorganisationen zu suchen.

© Jeannette Rücker, Oktober  2001

© 2003 Kaninchenforum.com

Letzte Aktualisierung ( 2. March 2007 09:35 )
 
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